rätselhafte Signaturen in Zille zugeschriebenen Fotografien

Auf 44 Fotos, das sind fast 8 Prozent von denen, die man Heinrich Zille zuschreibt, ist er selbst zu sehen. Eine so hohe Anzahl von Selbstporträts ist ungewöhnlich und verwunderlich für eine Person, die sich selbst nicht gerne fotografieren ließ und statt dessen lieber zum Zahnarzt ging.[1] Weshalb sollte er etwas solchermaßen Ungeliebtes freiwillig tun? Nach seiner Wesensart war er kein Selbstdarsteller, sondern eher zurückhaltend. Auf die Frage von Liebermann, weshalb er keine Selbstbildnisse male, antwortete er: »Wenn ich mich früh im Spiegel gesehen habe, wenn ich mich gekämmt habe, habe ich genug von meinem Gesicht!«

Reproduktionsatelier des Kunstverlags Hanfstaengl
Abb. 1, Bildzitat: Reproduktionsatelier

Viele der zugeschriebenen Fotos sind nicht plausibel als Selbstbildnisse zu erklären; vielmehr liegt nahe, dass der Pinselheinrich von anderen fotografiert wurde. Urheber ist, wer den Knopf drückt. Als Ausnahme kann nur gelten, wenn wesentliche geistige Planungen wie die Einrichtung des Bildausschnittes und Regieanweisungen für alle Beteiligten vorausgegangen sind. Davon ist aber bei den eher zufälligen privaten Knipsbildern im Familien- und Freundeskreis nicht auszugehen. Von einer »geistigen Vaterschaft« zu sprechen, ist das Eingeständnis, nicht zu wissen, wer was getan hat.[2] Beispiel für solch fragliche Zuordnung sind die zwei ersten Fotografien im Werkverzeichnis von Kaufhold: 1882 soll sich der junge Lithograf Zille während eines Urlaubs vom Militärdienst in die Photographischen Gesellschaft begeben, dort eine Kamera ausgeliehen und die unten zitierten Bildnisse angefertigt haben, auf denen er selbst despektierlich posiert. Dass ist in mehrfacher Hinsicht falsch:

  • Der Qualitätsanspruch in den auf Reproduktion von Kunstwerken spezialisierten Betrieben erforderte großformatige Technik, wie sie aus dem Kunstverlag Hanfstaengl bekannt ist (Abb. 1). Eben dieser Münchner Betrieb hatte die Photographische Gesellschaft nach deren wirtschaftlichen Schieflage übernommen. Noch Mitte der 1920iger Jahre gab es dort keine Verwendungsmöglichkeit für »kleinformatige« Kameras, wie sie von Amateuren und Porträtfotografen benutzt wurden. Demnach waren solche Aufnahmegeräte in derartigen Firmen weder vorhanden noch konnten sie dort ausgeliehen werden.
  • Die damaligen gesellschaftlichen Gepflogenheiten und Zwänge ließen nicht zu, dass ein junger – zudem derzeit nicht aktiv angestellter – Mitarbeiter an den zuständigen Fotografen vorbei Technik für persönliche Zwecke nutzte.
  • Es gab damals für Mannschaften keinen Urlaub im heute gebräuchlichen Sinne. Vielmehr mussten Soldaten ihren aktiven Dienst von zwei bzw. drei Jahren ununterbrochen ableisten und durften während dieser Zeit den befohlenen Standort nicht verlassen. Erst am Ende der Dienstzeit wurden die Soldaten in die Reserve »beurlaubt«. Folglich kann Heinrich Zille seinen Heimatort und vorherige Arbeitsstelle während der Dienstzeit nicht besucht haben.
  • Mehr noch als heute hat damals jeder Berufsfotograf Kennzeichen an seinen Bildern als Werbung hinterlassen, die sich auch auf den Soldatenbildern aufspüren lassen. Bisher unbeachtet befinden sich rätselhafte Signaturen im linken unteren Bereich der Fotos, etwa dort, wo Diele und Scheuerkante zusammentreffen (Abb. 2 und 4). Diese stimmen nicht mit den bekannten Zeichen des Grafikers überein, sind offensichtlich von anderen Urhebern angebracht worden.

Bildzitate

1 Reproatelier um 1925, in: Von der Lithographie zur Photographie, München 1984.
2 Kupferstichkabinett Dresden, df hauptkatalog 0198796.
3 Montage von Ausschnitten aus den Abbildungen 2 und 4.
4 Enno Kaufhold: Heinrich Zille – Photograph der Moderne, München 1995, Tafel 1.

Anmerkungen

[1] Gerhard Flügge: Mein Vater Heinrich Zille, nach Erinnerungen von Margarete Köhler-Zille, Berlin 1955, S. 184.
[2] Enno Kaufhold: Heinrich Zille – Photograph der Moderne, München 1995, S. 181.