Helen Zille – eine vermeintliche Verwandte

Die frühere Bürgermeisterin von Kapstadt und spätere Premierministerin von Westkap Helen Zille behauptete, eine Großnichte von Heinrich Zille zu sein. Während der Feierlichkeiten zum 150. Geburtstags des Meisters in dessen Heimatstadt Radeburg erfreute sie sich auch aus diesem Grund der Aufmerksamkeit. Dabei unterlagen alle Beteiligten einem Irrtum – denn obwohl es in ihren genealogieschen Aufzeichnungen drei Personen mit dem Namen Heinrich gibt, besteht keinerlei verwandtschaftliche Beziehung zum Berliner Grafiker. Dieser hatte lediglich eine kinderlos gebliebene Schwester Fanny Luise sowie einen schon nach 24 Tagen verstorbenen Bruder Rudolph Alfred – und somit zu keinem Zeitpunkt Nichten oder Neffen.

Stattdessen weisen die Angabe von Helen Zille auf deren Großonkel Heinrich Erich Zille, der 1872 in Berlin geboren[1] wurde und 1948 in Wiesbaden verstarb[2]. Auf Grund der abweichenden Lebens- wie auch Ortsangaben kann er ebenso wenig wie dessen Halbbruder Heinrich Johannes Paul Zille, 1867 in Berlin geboren[3] und im Jahr darauf gestorben[4], mit dem Pinselheinrich in Verbindung gebracht werden. Und auch von deren beider Großvater Johann August Heinrich Zille, 1793 in Krina geboren[5] sowie 1855 in Wittenberg verstorben[6], lässt sich keine Brücke zu den aus Colditz stammenden Vorfahren des Berliner Künstler schlagen.

Obwohl der Familienname nicht häufig ist, so ist er auch nicht sonderlich selten. Es handelt sich hier um eine Namensgleichheit, die bei zehn Einträgen unter »Zille« allein im Berliner Adressbuch aus dem Jahr 1928 nicht besonders verwundert.[7] Schon Danke berichtet über Nachfragen hinsichtlich vermuteter Verwandtschaft bei dem Grafiker selbst[8] – offensichtlich wurde auch damals die Nähe zur Prominenz gesucht.

Frau Helen Zille hat die in ihrem Besitz befindlichen handschriftlichen Aufzeichnungen, die sie von ihren Eltern erhielt, freundlicherweise der Hobbygenealogin Martina Rohde für weitere Untersuchungen zur Verfügung gestellt. Der daraus erstellte umfangreiche Stammbaum kann unter Ancestry nach Anmeldung bei der Berliner Genealogin abgefragt werden. Er zeigt auf, dass die südafrikanische Journalistin und Politikerin keine Verwandte des Pinselheinrich ist und die Fehler auf vermeintliche Erinnerungen beruhen, die auf Grund der Flucht des Vaters vor den Nazis aus Deutschland und dem damit verhinderten Zugriff auf Dokumente nicht korrigiert werden konnten.

Anmerkungen

[1] Taufe, Kirchenbuch »Zum Heiligen Kreuz« Nr. 866/1872. 
[2] Standesamt Wiesbaden Nr. 1139/1948. 
[3] Taufe, Kirchenbuch »St. Lukas« Nr. 355/1867. 
[4] Bestattung, Kirchenbuch »Zum Heiligen Kreuz« Nr. 687/1868. 
[5] Taufe, Kirchenbuch Krina Nr. 9/1793. 
[6] Bestattung, Kirchenbuch Wittenberg Nr. 93/1855. 
[7] Berliner Adreßbuch für das Jahr 1928, Teil 1: Bewohner von Berlin, S. 3996. 
[8] Rudolf Danke: Heinrich Zille erzählt … Gespräche und Erlebnisse mit dem Meister, Dresden 1931, S. 7. 

10.2.2018