Wie Heinrich Zille zum Fotografen gemacht wurde (2)

das vermeintliche fotografische Netzwerk von Heinrich Zille

Als einen Hinweis auf ein mögliches fotografisches Netzwerk versteht Karstens den bislang undatierten Entwurf einer Annonce für das Fotogeschäft von Goerss, der mit hoher Wahrscheinlichkeit 1914 oder 1915 entstanden ist.[22] Diesen Kontakt deutet er als einen fachlichen Austausch mit einem Experten des Mediums.[23] Die Idee, einen Händler als Fachmann auf dem Gebiet der Fotografie zu bezeichnen, ist interessant. Der fachliche Austausch hingegen ist eine Spekulation, insofern sich für ihn keinerlei Anhaltspunkte finden. Der Künstler war hier als Experte für Werbung gefragt, und so handelt es sich lediglich um die Ausführung einer von vielen Dienstleistungen eines Grafikers. Bereits 1887 übernahm er den Auftrag für die gesamte Werbeausstattung einer Schuhcreme.[24] 1922 stellte er eine ganze Serie von Werbeplakaten für den Zirkus Busch fertig, die der Kunsthistoriker Behne mit den Worten »Heinrich Zille als Plakatist … eine Garantie für den Erfolg« würdigte.[25] Auch Bühnenbilder im Schiller-Theater[26] und in der Komischen Oper,[27] Dekorationsentwürfe[28] und eine Plakatgestaltung[29] für Hermann Frey sind dokumentiert.

Abb. 2: Rezension der Ausstellung bei Hugo Erfurth
Abb. 2: Rezension der Ausstellung bei Hugo Erfurth

Im Kontakt zu Hugo Erfurth, einem Dresdener Fotografen, der sich mehrere Jahrzehnte sehr erfolgreich an der Kunstfotografie vom Ende des 19. Jahrhunderts orientierte, sieht Karstens einen weiteren Hinweis. Erfurth besuchte schon bald nach Beginn seiner selbstständigen Tätigkeit im Jahr 1896 Künstler in deren Ateliers und porträtierte sie oftmals.[30] Daraus entwickelten sich lebhafte Beziehungen, in deren Folge Erfurth 1922 in seinem Haus ein »Graphisches Kabinett« für Ausstellungen einrichtete. Bereits die am 16. Januar 1923 beginnende zweite Ausstellung,[31] von der bisher kein Katalog, sondern nur die wahrscheinlich von Kurt Zoege von Manteuffel stammende Besprechung in »Kunstchronik und Kunstmarkt«[32] (Abb. 2) bekannt ist, war dem da schon populären Grafiker gewidmet. Es muss demzufolge spätestens im Vorjahr Kontakte zur Vorbereitung der Ausstellung zwischen dem Pinselheinrich und Erfurth gegeben haben. Währenddessen nutzte der Fotograf die Chance, den Zeichner zu porträtieren, da er zu dieser Zeit bereits systematisch an einer Porträtsammlung bedeutender Persönlichkeiten arbeitete.[33] Die Beziehung zwischen Erfurth und dem Grafiker war eindeutig auf die Ausstellung im »Graphischen Kabinett« gerichtet und der Name des Ausstellungsortes gleichzeitig Programm – es wurden nur Drucke, Zeichnungen und Aquarelle,[34] nie aber Fotografien gezeigt. Weshalb Erfurth Fotos aus Heinrich Zilles Lebenslauf – also nicht zwingend Fotos aus dessen Hand – an den Direktor des Kupferstichkabinetts, Max Lehrs, weiter reichte, ist nicht bekannt; vielleicht wollte der Vielschreiber Lehrs über den Künstler veröffentlichen. Eventuelle Aufzeichnungen darüber sind verloren gegangen oder liegen, allerdings derzeit unerreichbar, in einem Moskauer Depot.[35] Überraschend ist die Übergabe durch einen Dritten, da sich Lehrs und Zille aus der Wirkungszeit Lehrs in Berlin kannten und schätzten.[36] Dass aber der Lithograf »Interesse an der Musealisierung einzelner fotografischer Arbeiten hatte – und selbst dafür Sorge trug«[37], ist eine Vermutung ohne Bestätigung. Viel eher lässt sich eine solche Motivation bei Erfurth annehmen, denn all seine im Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden liegenden Arbeiten sind in mehreren Schüben als Geschenk durch ihn selbst dorthin gelangt.[38] Die Weigerung, einen von Erfurth geforderten Preis[39] – unter Beachtung der zu dieser Zeit herrschenden Wirtschaftskrise – für den Abzug einer Fotografie zu zahlen, zeigt, dass die Beziehung zwischen den zwei Künstlern keineswegs besonders eng war. Somit ist der von Karstens vermutete fotografisch-fachliche Austausch mit dem gestandenem Berufsfotografen zumindest nicht belegt und sehr wahrscheinlich eine Fiktion. Hingegen ist es nicht verwunderlich, dass es Werke des Grafikers in die Sammlung von Hugo Erfurth geschafft haben, da dieser »oft selbst der bester Käufer in diesen Ausstellungen«[40] war.

Im fortgeschrittenen Alter ließ sich Heinrich Zille weitere Male fotografieren.[41] Dies war der steigenden Popularität seiner Person mit den daraus folgenden Wünschen nach Autogrammen und Bildmaterial geschuldet. Karstens spannt seine Deutung sehr viel weiter und macht daraus einen fachlichen Austausch mit der Porträtfotografin Helmy Hurt,[42] liefert aber keine Belege. Vielmehr zeigt die Mitteilung an Familie Kraus in eine wesentlich andere Richtung – er versuchte die Fotografin zu vermitteln, um ihr geschäftlich zu helfen.[43] Von einem fotografischen Austausch kann nicht die Rede sein, vielmehr handelt es sich um ein unter Künstlern übliches Verfahren zur gegenseitigen Unterstützung, das unter anderem auch von Max Liebermann gepflegt wurde.[44] Und er unternahm aus ähnlichen Beweggründen mindestens einen weiteren Vermittlungsversuch, der mit einer Postkarte vom 13. Mai 1927 an den Verleger Fritz Heyder,[45] auf der er um einen Platz für den Abdruck von Werken der Malerin Hella Aronsohn bat, belegt ist.

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Anmerkungen

[22] Die Firma Heitmann, W., Photohdlg ist erst seit 1914 unter der Adresse Köpenicker Straße 109a im Berliner Adreßbuch eingetragen. 1916 wurde die Schreibweise in Cöpenicker Straße geändert. Berliner Adreßbuch, Jahrgänge von 1913 bis 1916, Zentral- und Landesbibliothek Berlin.
[23] Karstens (Anm. Nr. 8), S. 16.
[24] Kranz (Anm. Nr. 9), S. 67.
[25] Alfred Behne: Heinrich Zille als Plakatmaler, in Seidels Reklame, Dezemberheft 1922, S. 261.
[26] Ebenda, S. 261.
[27] Gerhard Flügge: ’ne dufte Stadt ist mein Berlin, Berlin 1974, S. 76.
[28] Hans Ostwald: Zille’s Vermächtnis, unter Mitarbeit seines Sohnes Hans Zille, Berlin 1930, S. 239.
[29] Hermann Frey: Immer an der Wand lang …/ Allerlei um Hermann Frey, Berlin 1943, S. 234.
[30] Hans-Ulrich Lehmann: Das »Graphische Kabinett Hugo Erfurth« in Dresden, in Bodo von Dewitz, Karin Schuller-Procopovici (Hg.): Hugo Erfurth. 1874–1948. Photograph zwischen Tradition und Moderne, Ausst.-Kat., Köln 1992, S. 111.
[31] Dresdner Anzeiger, 14. Januar 1923, S. 2.
[32] Kunstchronik und Kunstmarkt, Wochenschrift für Kenner und Sammler, Leipzig 1923, Nr. 19, S. 374–375.
[33] Lehmann (Anm. Nr. 30), S. 18.
[34] Kunstchronik und Kunstmarkt, Wochenschrift für Kenner und Sammler, Leipzig 1922, Nr. 12, S. 233.
[35] Mitteilung durch Hans-Ulrich Lehmann, ehemaliger Oberkustos des Kupferstichkabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, 2014.
[36] Archiv der Staatlichen Kunstsammlung Dresden, KK 4, Bd. 25, Blatt 451.
[37] Karstens (Anm. Nr. 2), S. 98.
[38] Bodo von Dewitz: Hugo Erfurth – Ein Photograph und die vielen »Köpfe seiner Zeit«, in Bodo von Dewitz, Karin Schuller-Procopovici (Hg.): Hugo Erfurth. 1874–1948. Photograph zwischen Tradition und Moderne, Ausst.-Kat., Köln 1992, S. 110.
[39] Karstens (Anm. Nr. 8), S. 16.
[40] Ulrich Pohlmann: »Im Einklang mit den Großen der Zeit«, in Bodo von Dewitz, Karin Schuller-Procopovici (Hg.): Hugo Erfurth. 1874–1948. Photograph zwischen Tradition und Moderne, Ausst.-Kat., Köln 1992, S. 131.
[41] Porträtfotografie: Der Querschnitt, VII. Jahrgang, Heft 8, Fotografin Helmy Hurt, Berlin 1927.
[42] Karstens (Anm. Nr. 8), S. 17.
[43] Heinrich Zille, Walter Püschel (Hg.): Die Nebelkrähe und andere zwanglose Geschichten, Berlin 1991, S. 158.
[44] Stadtarchiv Naumburg, Briefe an Klinger Nr. 251.
[45] Akademie der Künste, Verlagsarchiv Fritz Heyder 370.

 

Bildzitat

Abb. 2: Rezension der Ausstellung bei Hugo Erfurth in »Kunstchronik und Kunstmarkt«, Leipzig 1923, S. 374–375 [Hervorhebung durch den Autor].

27.11.2015