Wie Heinrich Zille zum Fotografen gemacht wurde (1)

Zusammenfassung

Seit fast fünf Jahrzehnten wird behauptet, dass Heinrich Zille Fotograf gewesen wäre. Zweifelsfreie Belege für diese These wurden bisher nicht vorgelegt, Einwände hingegen gemacht.[1] In einer Entgegnung antwortet Pay Matthis Karstens mit neuen Aspekten,[2] die oberflächlich betrachtet als Belege erscheinen. Er versucht, die fotografische Tätigkeit als gesicherte Tatsache darzustellen. Aufgrund selektiver Argumentation, fraglicher Deutungen und signifikanter Fehler bleibt es allerdings ein Versuch, der die Zweifel letztendlich noch erhöht. Legt man jedoch das Augenmerk auf die Umstände, unter denen die vorgeblichen Zille-Fotos in die Öffentlichkeit kamen, werden die finanzielle Interessen für die Zuschreibung plausibel.

Teil 2: das vermeintliche fotografische Netzwerk von Heinrich Zille

Teil 3: lithografische Arbeiten werden zu Fotografien umgemünzt

Teil 4: familiäre Aufnahmen als Beleg für die fotografische Tätigkeit

die vergebliche Suche nach dem Fotograf Heinrich Zille

Zeitzeugen dafür, dass Heinrich Zille außerhalb seiner Arbeitsstätte fotografiert hat, gibt es nicht. Die Künstlerkollegen August Gaul, Max Liebermann, August Krause, Otto Nagel und Hermann Frey, die Biografen Hans Ostwald, Rudolf Danke und Adolf Heilborn, die Journalisten Erich Knauf[3] und Emil Stumpp[4] sowie der Kunsthistoriker Adolf Behne haben sich ausführlich mit dem Lebenswerk des Grafikers beschäftigt, und sie berichten uns davon auch Kleinigkeiten. Einen Hinweis, dass er fotografiert hätte, geben sie ebenso wenig wie die Söhne Hans und Walter. In der Tochter Margarete Köhler-Zille sieht Pay Matthis Karstens allerdings eine Zeitzeugin. Sie bemühte sich mehrere Jahrzehnten um die Anerkennung und Würdigung des väterlichen Erbes. Dabei hat sie nie angedeutet, dass ihr Vater fotografiert hätte; auch nicht in ihren sehr umfangreichen und detailliert geschilderten Erinnerungen.[5] Erst im Alter von 85 Jahren und unter dem Eindruck des kurz zuvor erschienenen Buchs von Friedrich Luft[6] glaubte sie – auf Nachfrage[7] –, sich daran erinnern zu können. Das mag daher kommen, dass in dem Buch Fotos abgebildet sind, die Erinnerungen an die innerhalb der Familie schon lange bekannten Bilder aus den persönlichen Fotoalben weckten. Jedenfalls hat die so plötzlich auftauchende Erinnerung keine Aufmerksamkeit in den Fachkreisen erregt und wurde nicht wiederholt. Weshalb sie nach Meinung Karstens’ gerade dadurch an Glaubwürdigkeit gewinnen soll und »keineswegs als strategische Falschaussage abgetan werden«[8] könne, bleibt vage. Von einer allgemein bekannten Tatsache auszugehen, ist schon deshalb nicht richtig, weil die Fotos samt Zuschreibung zwei Jahre vor dem Interview der Öffentlichkeit noch gar nicht bekannt waren und erst mit dem Buch von Luft als Sensation kolportiert wurden. Während sich also weder im gesellschaftlichen Leben noch im Freundeskreis Augenzeugen für eine Tätigkeit als Fotograf bei der weithin bekannten Persönlichkeit finden, gibt es einen nachdenklich stimmenden Bericht von Erich Kranz. Dieser war nach dem Sohn Walter Nachlassverwalter und teilte mit, dass der Grafiker die Herstellung von Bildern mittels technischer Apparate ablehnte.[9] Die Bekanntschaft mit den Brüdern Max und Emil Skladanowsky, über die der Pinselheinrich später in Gesprächen berichtete, machte ihn mit den Anfängen des Films bekannt. Da sein Interesse dem Zeichnen und nicht dem Hantieren mit einer Vielzahl von Apparaturen galt, erlahmte sein anfängliches Interesse bald.[10] Auch in der beruflichen Tätigkeit bediente er sich nicht der fotografischen Technik, um neue Bilder zu schaffen, sondern führte lediglich Aufträge aus, um mittels der Dunkelkammertechnik Werke anderer zu vervielfältigen.

Ein Irrweg ist, auf der Suche nach dem Urheber der Fotografien in seiner ehemaliger Arbeitsstelle nach Dokumenten zu forschen. Damals wie heute konnte kein Urheberrecht durch Reproduzieren erworben werden, und auch das Recht zur Vervielfältigung konnte sich ein Angestellter nicht sichern. Da zudem über die heute gebräuchliche Nutzungsrechtsübertragung an den Arbeitgeber damals noch nicht einmal nachgedacht wurde, kann es diesbezügliche Unterlagen nicht geben. Letztlich sind Werke der Fotografie in Deutschland erst seit 1907, – zufällig auch das Jahr der Entlassung des Lithografen aus der Photographischen Gesellschaft –, urheberrechtlich geschützt.[11]

Karstens vermutet, dass der Künstler am Ende seines Lebens Fotografien als einen Teil seines künstlerischen Nachlasses begriff, weil er auf verborgte Sachen nicht verzichten wollte und sie zurückforderte. Er schrieb am 4. Mai 1929 an den Paul Franke Verlag[12] über »meine Zeichnungen und eine Photographie«. Damit ist keineswegs gesagt, dass eine selbst angefertigte Fotografie gemeint sein muss. In dem einzigen Buch, auf das sich die Bemerkung beziehen kann, dem unter seiner eigenen Mitarbeit im Paul Franke Verlag erschienenen Band »Das Zillebuch«, ist nur eine einzige Fotografie abgebildet.[13] Das Foto zeigt ein Porträt des Pinselheinrich im fortgeschrittenen Alter. Obwohl im Buch mit der faksimilierten Unterschrift »H. Zille« versehen, ist ein Selbstbildnis unwahrscheinlich, denn nach allgemein vorherrschender Meinung fertigte er – wenn überhaupt – die letzten Fotografien 1910 an. Auch ist die Rückforderung seines Besitzes durch ihn selbst nicht neu. So beklagte er sich bereits 1924 bei dem Verleger des Rembrandt-Verlages, Konrad Lemmer, auf einer Postkarte über den Zeitverzug durch die schleppende Arbeitsweise von Adolf Heilborn, ein mit dem Grafiker befreundeter Arzt und Schriftsteller, an der geplanten Monografie über ihn. Er äußerte weiter die Hoffnung, dass die Arbeit noch zum Abschluss kommt und brachte mit den Worten »Ich hätte meine Bilder gern wieder gehabt … « die Forderung zur Rückgabe zum Ausdruck.[14]

Aus der auf einer Postkarte vom 8. Dezember 1927 an Otto Nagel geäußerten Sorge Heinrich Zilles, dass die von Nagel für einen Artikel in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung verwendeten Fotografien verloren gehen könnten,[15] schlussfolgert Karstens, dass er Besitz- und Urheberrechte an diesen gehabt haben könnte. Allein die Frage des Pinselheinrichs, woher Nagel denn die Fotos habe, zeigt, dass es eine andere Quelle gab. Die Fotografien befinden sich im Nachlass von Nagel,[16] auf Kartons geklebt und jeweils mit dem Quellenvermerk »Delia« versehen. Das ist die Abkürzung des Deutschen Lichtbild-Archivs, einer Agentur, die der Presse Bilder zur Verfügung stellte. Bisher konnte noch nicht festgestellt werden, ob Fotos von dieser Firma nur angekauft und weiterverbreitet oder auch angefertigt wurden. Nach bisherigen Erkenntnissen wurden von dieser Agentur mindestens die Bilder des Werkverzeichnis nach Enno Kaufhold (WV) Nr. 19, 232, 242, 476 sowie sechs weitere Heinrich Zille zeigende Fotos vertrieben.[17]

Abb. 1: Postkarte an den Vetter Woldemar
Abb. 1: Postkarte Heinrich Zilles an den Vetter Woldemar

Auch soll er als Vermittler von Fotografiebedarf[18] gewirkt haben. Karstens will das anhand eines Schreibens vom 12. September 1897 an dessen damals 23jährigen Cousin Woldemar Heinitz erkannt haben. Dieser hatte sich in Dresden als Mechaniker zwischen 1896 und 1900 aus einer selbst gegründeten Feinmechanikerwerkstatt mit anfangs drei Gehilfen eine Rechenmaschinenfabrik mit 120 Angestellten aufgebaut[19] und damit neben seinen durch Patente belegten technischen Kenntnissen[20] ein außerordentliches Organisationstalent bewiesen. Auf einer Postkarte finden sich nach einleitenden Worten die Fragen »Ist’s Glas gut? Brauchst Du mehr?«. Was meint der Lithograf damit? Ein Trinkgefäß, Monokel, Opern- oder Fensterglas? Es gibt in der Fotografie keine Benennung für »Glas«, die mit einem Fachbegriff assoziiert wird wie zum Beispiel der Begriff »Linse« mit »Objektiv«. Eine eindeutige Zuordnung ist somit nicht möglich und eine Verbindung zu Gegenständen aus dem Bereich des Fotobedarfs nicht nur zweifelhaft, sondern auch aus dem Zusammenhang gerissen, denn von Fotografie ist auf der Postkarte mit keinem Wort die Rede. Vielmehr geht es um die gemeinsamen Leidenschaften, Mineralien und Schmetterlinge zu sammeln (Abb. 1). Es ist demzufolge naheliegender, an Gerätschaften aus diesem Umfeld wie Betäubungs- und Tötungsgläser für die Entomologie oder ein Vergrößerungsglas zur Untersuchung gesammelter Gegenstände zu denken. Weiter ist fraglich, weshalb Heinitz sich aus Berlin Gegenstände für die Fotografie hätte kommen lassen sollen, da es doch Bezugsquellen überall in Deutschland gab.[21] So sind im Adreßbuch für Dresden von 1897 mehr als ein Dutzend darauf spezialisierte Läden aufgeführt.

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Anmerkungen

[1] Detlef Zille: Heinrich Zille und die Fotografie, Die zweifelhafte Zuschreibung von Fotografien, Fotogeschichte, Heft 130, S. 87–93.
[2] Pay Matthies Karstens: […] trotzdem ich das Haus photogr. wollte […], Unbekannte und unbeachtete Belege der fotografischen Tätigkeit Heinrich Zilles, Fotogeschichte, Heft 130, S. 95–103.
[3] Erich Knauf: Der unbekannte Zille, in Sinn und Form, Heft 4, Berlin 2014, S. 437–460.
[4] Emil Stumpp: unveröffentlichtes Manuskript, 1927, Emil-Stumpp-Archiv Gelnhausen.
[5] Gerhard Flügge: Mein Vater Heinrich Zille, nach Erinnerungen von Margarete Köhler-Zille, Berlin 1955.
[6] Friedrich Luft: Mein Photo-Milljöh, Hannover 1967.
[7] Nach Karl Wiechert, Besuch bei Zilles Tochter, in: Gustav Schmidt-Küster und Karl Wiechert (Hg.): Zille Almanach, Hannover 1969, o.S.
[8] Pay Matthies Karstens: […] trotzdem ich das Haus photogr. wollte […], Unbekannte und unbeachtete Belege der fotografischen Tätigkeit Heinrich Zilles, Forschungsbericht_Fotografien Heinrich Zilles_Karstens _EXTERNER GEBRAUCH.pdf September 2013, bereitgestellt von der Fotografischen Sammlung der Berlinischen Galerie, S. 13.
[9] Erich Kranz: Budiken, Kneipen und Destillen, Heinrich Zille und Alt-Berlin, Hannover 1969, S. 124–127.
[10] Ebenda, S. 125.
[11] Elmar Wadle: Urheberrecht zwischen Gestern und Morgen – Anmerkungen eines Rechtshistorikers, Abschiedsvorlesung am 17. November 2006, Universität des Saarlandes, Saarbrücken 2007, S. 20–21.
[12] Flügge (Anm. Nr. 5), S. 193.
[13] Hans Ostwald: Das Zillebuch, unter Mitarbeit von Heinrich Zille, Berlin 1929, S. 4.
[14] Auktionsangebot im Internet: http://www.kettererkunst.de/kunst/kd/details.php?obnr=410707285&anummer=340, gesehen am 23. November 2015.
[15] Akademie der Künste, Otto-Nagel-Archiv 254-4.
[16] Ebenda, 285 und 286.
[17] Vergleiche dazu Zeitungsausschnitte in der Stiftung Stadtmuseum Berlin, Dokumentensammlung/Zille SM 2012–4568.8, SM 2012–4799.5 und SM 2012–4799.6, sowie Elfriede Behne, Zeitungsausschnitt in der Akademie der Künste, Verlagsarchiv Fritz Heyder 370.
[18] Karstens (Anm. Nr. 8), S. 16–17.
[19] Stadtarchiv Dresden, Gewerbeamt A, Bürger- u. Gewerbeakten, 2.3.9 Nr.: H. 3680 Heinitz, Woldemar Reinhold.
[20] Martin Reese: Woldemar Heinitz, Fabrikant und Konstrukteur der Monopol-Rechenmaschinen, der Monopol-Kassen und des Comptators, Historische Bürowelt Nr. 99, Essen, April 2015, S. 8.
[21] Ludwig Hoerner: Das photographische Gewerbe in Deutschland 1839–1914, Düsseldorf 1989, S. 46.

Bildzitat

Abb. 1: Postkarte Heinrich Zilles an den Cousin Woldemar Heinitz vom 12. 09. 1897, Zentral- und Landesbibliothek Berlin / Historische Sammlungen, EH 6325.

27.11.2015