Pinselheinrich – Geschichten und Befremdlichkeiten

Jeder schließt von sich auf andere und berücksichtigt nicht, dass es auch anständige Menschen gibt.
Wenn Frauen verblühen, verduften die Männer.
Pinselheinrich, nach dem Unterschied zwischen Genie und Talent befragt: Talent kriegt Jehalt.
Kinder, lernt nicht, sonst müsst ihr später arbeiten.

Die Geschichten über das Leben des Pinselheinrich, die im wesentlichen auf Erzählungen von ihm selbst beruhen, wurden zahlreich publiziert und werden hier nicht wiederholt. Denn bei Überprüfungen stellte sich heraus, dass sie aus unsicheren Erinnerungen aufgebaut und zudem von anderen Personen – teilweise vorsätzlich – mit Fehlern ergänzt wurden. Insofern soll hier aufgezeigt werden, was nach neuerer Forschung mit den Tatsachen nicht vereinbar oder zumindest bedenklich ist. Denn vergleicht man Dokumente, Urkunden und geschichtlichen Ereignissen mit den Erzählungen über den Berliner Grafiker Heinrich Zille, so erscheinen diese an vielen Stellen nicht plausibel, werden Diskrepanzen und Befremdlichkeiten deutlich.

Als 1921 die Nationalgalerie Berlin eine größere Anzahl seiner Zeichnungen ankaufte, war er endgültig als Künstler anerkannt. Zuvor waren seine künstlerischen Absichten lange verkannt und er lediglich als Witzblattzeichner populär. Dies begründete sich in den zahlreichen Publikationen, die im »Simplicissimus«, der »Jugend« und in den »Lustigen Blättern« in den Jahren zuvor erschienen waren. Gleichzeitig mit dem Wachsen seiner Bekanntheit wurde der Pinselheinrich mehr und mehr von flinken Unternehmern vermarktet, die von seinem Ruhm und seiner Originalität profitieren wollten. Nach ihm benannte Zigaretten und Lebkuchen wurden verkauft, Bälle im Zille-Stil organisiert, Filme mit ihm als Staffage gedreht und Publikationen unter seinem Namen herausgegeben. Gegen all das wehrte er sich nur halbherzig und wenig erfolgreich. Insofern muss es nicht wundern, dass einige von Trittbrettfahrern frei erfundene Geschichten sich nicht nur verbreiteten, sondern auch bis heute erhalten haben. So behaupten das Zille-Museum Berlin und die Berlinische Galerie noch immer, dass Heinrich Zille Fotograf gewesen wäre, obwohl die dafür unterbreiteten Beweise widerlegt wurden.

Verwirrung um den Namenswechsel

Der Vater Johann Traugott soll während der Zeit, als die Familie in Radeburg lebte, dem Familiennamen Zill ein »e« angehängt haben. Eine Prüfung deckte hingegen auf, dass es sich lediglich um eine Korrektur zum ursprünglichen Namen handelte. Das Tauf- als auch das Totenbuch der Kirchgemeinde Colditz, dem Geburtsort des Vaters, weisen die Ahnen eindeutig mit dem Namen Zille aus. Auch der kolportierte Wechsel von Zille in Zill bei der Übersiedlung von Dresden nach Berlin hat ausweislich der Kirchenbücher der St. Andreas-Kirche nicht stattgefunden.

Merkwürdigkeiten aus der Kindheit

Bisher beruhten die Kenntnisse über die Kindheit des Pinselheinrich in Sachsen einzig auf den Erzählungen von ihm selbst. Allerdings wurden die teilweise erst fünf Jahrzehnte nach dem Erleben abgefasst – und so ist nachvollziehbar, dass sich in Details Ungenauigkeit einschlichen, es sich um verwischte Erinnerungen handelt. Zudem haben Biografen und Trittbrettfahrer nach ihrem Gusto Berichte mit nicht belegbaren Elementen ausgeschmückt. Bei einer Untersuchung zu den Zille fälschlicherweise zugeschriebenen Fotografien wurden Akten bekannt, die auch manche dieser Geschichten fraglich erscheinen lässt. So wurde er, um seine Herkunft »aus dem Volk« glaubhafter zu machen, einer armen Familie entstammend beschrieben. Am Ende seines Lebens glaubte er wohl selbst an diesen Mythos und verbreitete ihn weiter. Erhebliche Zweifel sind angebracht, denn schon in Radeburg war der Vater nicht als einfacher Einwohner, sondern als Bürger und Uhrmacher registriert. Vor der Übersiedlung nach Dresden 1861 kaufte Johann Traugott in Sachsens Landeshauptstadt ein Grundstück für 5000 Taler.[1] Zudem erwarb die Mutter in Dresden ebenfalls den Status als Bürger und musste deshalb höhere Steuern abführen als einfache Einwohner. Ein Umzug auf Grund einer angeblichen Notlage zu den Großeltern nach Potschappel lässt sich hingegen nicht belegen; vielmehr ist dieser nach Aktenlage als auch nach den damals geltenden Gesetzen unwahrscheinlich. Auch lassen weder die Gewerbeakten des Vaters noch die der Mutter erkennen, dass es Sanktionen wegen Schulden oder anderen Unredlichkeiten gab.

Übersiedlung der Familie Zille

In Dresden liefen die Geschäfte des Vaters als Uhrmacher nicht gut, und auch die Tätigkeit als Pfandleiher brachte nicht den gewünschten Erfolg. Die Konzession für letzteres Geschäft hatte Johann Traugott schon Ende 1865 zurückgegeben. Insofern ist der Grund für den Umzug nach Berlin offensichtlich darin zu suchen, dass sich der Vater einer neuen Herausforderung stellen wollte. Der von dem Künstler später selbst angegebene Zeitpunkt der Übersiedlung sowie der vorgebliche Anlass – die Aufhebung der Schuldhaft – lässt sich nicht mit den geschichtlichen Ereignissen vereinbaren. An Hand von damals wirksam werdenden Gesetzen ist die Übersiedlung auf das erste Halbjahr 1868 zu datieren – ein halbes Jahr später, als bisher bekannt. Auch die angebliche durch den Vater vorgenommene Umbenennung von Zille in Zill, um Gläubigern aus Sachsen entgehen zu können, erscheint durch zwei Kirchenbucheinträge der St. Andreas-Kirche Berlin 1870 zweifelhaft. Dort ist sowohl Geburt, Taufe und Tod des vierten Kindes Rudolph Alfred im Jahr 1870 als auch die Schreibweise der Familie belegt.

die Proletarisierung des Grafikers

Die unterprivilegierte Schicht der Bevölkerung war Mittelpunkt seiner Werke. Idealerweise sollte er auch dieser Gruppe entstammen, um die Anmutung als »Zeichner des Volks« zu unterstreichen. Allerdings assoziiert sich sowohl der Berufsstand des Vaters als Uhrmacher wie auch sein eigener Beruf als Lithograf eher mit dem Kleinbürgertum. Adolf Heilborn löste das Problem, in dem er erstmalig 1924 den 15 Jahre zuvor verstorbene Vater als Schmied bezeichnete.[2] Nur ein Jahr später wurde die Vereinnahmung in die Arbeiterklasse mit der Bemerkung des Kunsthistoriker Adolf Behne: » … durch ihn stellte sich das Proletariat selbst dar.«[3] wiederholt und bestätigt. Jedoch ist die Tätigkeit oder gar Berufsausbildung des Vaters als Schmied vollkommen aus der Luft gegriffen; nirgends finden sich dafür Belege. Beginnend vom Eintrag der Trauung im Kirchenbuch von Pesterwitz 1852, über die Bürgeranmeldung in Radeburg, den Geburts- und Taufeinträgen der vier Kinder in Radeburg sowie Berlin, den Gewerbeakten in Dresden bis zur Heiratsurkunde des Sohnes im Jahr 1883 sprechen die Dokumente einheitlich von einem Uhrmacher. Erst in Berlin scheint der Vater die Beschäftigung gewechselt und fortan als Goldschmied und Mechaniker – wie uns letzteres die Sterbeurkunde verrät – gewirkt haben.

nach dem Tod des Pinselheinrich

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde versucht, die Popularität des Grafikers zu schmälern und ihn in den Hintergrund zu drängen. »… die ganze Zille-Gesellschaft der kleinen Gauner, rachitischen Kinder, Prostituierten und verhärmten schwangeren Arbeiterfrauen paßte nicht in die saubere Welt nordischer Erfolgsmenschen.«[4] Der Erfolg dieses Versuchs war nur mäßig und vor allem nicht andauernd. Denn als 1949 der der SPD nahestehende Fackelträger-Verlag ihn als seine Galionsfigur installierte und in den folgenden 20 Jahren fast eine Million Bände des Künstlers verkaufte, wuchs auch die Begehrlichkeit nach den Originalen seiner Werke wieder. Die allerdings waren durch Kriegswirren dezimiert und der Rest weit verstreut. Abhilfe schaffte zunächst sein Sohn Walter, der, ebenso wie sein Vater Zeichner und Grafiker, die Handschrift des Pinselheinrich bemerkenswert beherrschte und als sein Fälscher bekannt wurde. Auch wurde der Kunstmarkt durch Ankäufe alter Sammlungen, die in finanzieller Hinsicht für damalige Verhältnisse riskant erschienen, aufgeheizt. Alles, was mit ihm in Verbindung gebracht werden konnte, schien verkäuflich zu sein.

Der Sohn Walter starb 1959, und infolgedessen blieb Nachschub an »Originalen« aus. Daraufhin erklärte der Stiefsohn und Erbe Heinz unter tatkräftiger Mithilfe von einem Angestellten des Fackelträger-Verlags, einem Theaterkritiker sowie einem Kunstsammler und -händler kurzerhand die im Nachlass gefundenen Fotografien zu einem Werk des Pinselheinrich – plötzlich soll Heinrich Zille Fotograf gewesen sein. An Belegen wie an Zeitzeugen für eine fotografische Beschäftigung des Grafikers außerhalb seiner Arbeitsstätte mangelt es. Dem entgegen finden sich für einige dieser Fotos Nachweise, dass sie von anderen Urhebern stammen. Das finanzielle Interessen die Zuschreibung der Fotografien beeinflussten, zeigt unter anderem die Ankaufsakte, die mit den Fotos in der Berlinischen Galerie verwahrt wird. Sämtliche Aktivitäten des Erben und seiner Helfer waren auf einen gewinnmaximierten Weiterverkauf ausgerichtet.

Anmerkungen

[1] Zur Bewertung des Betrages können Hinweise unter Kaufkraftvergleiche historischer Geldbeträge und Geld und Kaufkraft ab 1803 (beide abgerufen am 25. Dezember 2017) herangezogen werden.
[2] Adolf Heilborn: Die Zeichner des Volks, Käthe Kollwitz, Heinrich Zille, Berlin-Zehlendorf, 1924, S. 58.
[3] Adolf Behne: Graphiker der Gegenwart, Heinrich Zille, Berlin 1925, S. [5].
[4] Geerte Murmann: »Heinrich, lieber Heinrich« Zille und seine Zeit, Düsseldorf 1994, S. 241.

15.05.2016, letztes Update am 26.12.2017.