weitere Fiktionen und Zweifel

Bekanntlich faszinieren Erzählungen von und über Prominente sehr, weshalb Plausibilität als auch Wahrheitsgehalt bisweilen sekundäre Rollen spielen. Selbst wenn der gesunde Menschenverstand unterschwellig Zweifel aufkommen lässt, werden nicht immer kritische Überprüfung angestellt. Auch lassen sich Fiktionen selten widerlegen, da – wie es in deren Natur liegt – keinerlei Belege existieren. Wie also sind folgende Episoden einzuschätzen?

Heinrich Zille und »Liebermann«
Bildzitat 1: Zille und »Liebermann«

ein Foto mit »Liebermann«

Das nebenstehende Lichtbild zeigt Heinrich Zille mit einer Person, die Max Liebermann ähnelt. Das es sich nicht um den Präsident der Preußische Akademie der Künste zu Berlin selbst handeln kann, wird im Vergleich mit dem daneben stehenden Pinselheinrich deutlich. Denn obwohl der Impressionist bereits 1847 geboren wurde, erscheint er hier sitzend wesentlich jünger als der neben ihm Stehende. Auf keinem anderen Foto dieser Zeit ist er so frisch, fast jugendlich, abgebildet. Das verschmitzte Lächeln ist ebenso wenig wie die Vertraulichkeit, die sich Zille gegenüber dem Sitzenden herausnimmt, mit der für Liebermann sprichwörtlichen Distanziertheit in Übereinstimmung zu bringen. Insofern handelt es sich wahrscheinlich um einen kostümierter Gast bei einer der in der zweiten Hälfte der 1920iger Jahren stattfindenden »Zille-Bällen«. Das Foto wurde ein Jahr nach dem Ableben des Grafikers ohne Hinweis auf Urheber oder Entstehung publiziert, und wird bis heute als Bekräftigung für die Freundschaft der zwei Künstler benutzt.

 
 

Tochter eines Handwerkers oder eines Lehrers?

Vielfach wird seit Jahrzehnten in der Literatur berichtet, dass Heinrichs Ehefrau Hulda die Tochter eines Nadlermeisters und Lehrers gewesen sein soll. Hier werden wie selbstverständlich zwei sehr unterschiedliche Berufe ein- und derselben Person zugeschrieben. Zwar war Nebenerwerb für Lehrer an der Tagesordnung, da sie vor allem in kleineren Gemeinden als ein notwendiges Übel angesehen und in Folge dessen schlecht entlohnt wurden. Allerdings war das für gewöhnlich eine Beschäftigung als Küster oder Organist, die ebenso wie die Lehre von der Kirche kontrolliert wurden. Auch waren Tätigkeiten üblich, die, wie zum Beispiel Kleintierzucht und Gartenbau, unmittelbar der eigenen Lebenshaltung dienten. Nebenher aber eine mehrjährige Ausbildung und Tätigkeit als Geselle als auch Qualifikation zum Meisters in einem Handwerksberuf zu machen, war sowohl aus finanziellen Gründen als auch beamtenrechtlichen Erwägungen schlicht unmöglich. Auch die umgekehrte Reihenfolge, nämlich das ein Handwerksmeister seinen gesellschaftlichen Status aufgeben und sich wiederum in eine Lehre bei einem Schulmeister begeben würde, ist mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten nicht vereinbar.

Des Rätsels Lösung findet sich in einer Urkunde, dem Eintrag der Trauung der Eltern von Hulda im Kirchenbuch Königs Wusterhausen Nr. 17/1856: nicht der Vater, sondern der Großvater war Lehrer in Rüdersdorf, der zudem schon zu dieser Zeit verstorben war. Die Entstellung ist nur damit zu erklären, dass erst später zu beobachtende Aus- und Weiterbildungen ungeprüft auf vorherige Zeiten übertragen wurden.

 

der sportliche Heinrich Zille
Bildzitat 2: der sportliche Künstler (Mitte) um 1901.

die Radtour nach Dresden

Der Grafiker war nach den Worten seines Sohns Walter wenig reisefreudig[1] und hat auch seinen Geburtsort nie wieder besucht.[2] Dennoch soll er Freunde mit dem Fahrrad nach Dresden begleitet haben.[3] Die Hin- und Rückreise über rund 400 km mit den damals üblichen schweren Drahteseln ohne Gangschaltung fordert Respekt ab, zumal von ihm keinerlei andere sportliche Aktivitäten bekannt sind und er zu eben dieser Zeit – wie auf nebenstehendem Bild unschwer zu erkennen ist – nur wenig athletisch und trainiert war. Und da der direkte Weg der Tour durch Radeburg führt, ist es zudem erstaunlich, dass Zille seine Heimatstadt nicht besucht haben soll.

 

Bildzitate

1 anonymer Fotograf, aus: Hans Ostwald: Zille’s Vermächtnis, unter Mitarbeit seines Sohnes Hans Zille, Berlin 1930, S. 129.
2 aus: Enno Kaufhold: Heinrich Zille, Photograph der Moderne, Verzeichnis des photographischen Nachlasses, München 1995, Tafel 111.

Anmerkungen

[1] Walter Zille: H. Zille. ... und sein Berlin, persönliche Erinnerungen an den Meister, Berlin 1950, S. 12.
[2] Gerhard Flügge: Mein Vater Heinrich Zille, nach Erinnerungen von Margarete Köhler-Zille, Berlin 1955, S. 156. 
[3] Erich Kranz: Budiken, Kneipen und Destillen, Heinrich Zille und Alt-Berlin, Hannover 1969, S. 59. 

6.2.2018